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Ernestine Voß

Künstlerisches Schaffen im künstlerischen Schatten

Sie hatte keinen Verlag, keine Lesebühne, keine Literaturpreise – aber sie hatte Briefe. Und mit diesen Briefen schrieb sich Ernestine Voß, geborene Boie (1756–1834) klug und bestimmt in eine Welt hinein, die Frauen oft nur als Schatten ihrer Männer zuließ.


Der Brief als geheimer Möglichkeitsraum

Die Gattin des berühmten Homer-Übersetzers Johann Heinrich Voß (1751–1826) war vieles: Muse, Mutter, Ratgeberin. Aber sie war auch eine Schreibende. Und der Ort, an dem sie sich entfalten konnte, war der Brief: ein Zwischenreich aus Intimität und Öffentlichkeit, ein feines Sprachgewebe, das der Empfindsamkeit des 18. Jahrhunderts Form und Rhythmus verlieh.

Ernestine wurde am 31. Januar 1756 in Meldorf geboren, als eines von zwölf Kindern des Predigers Johann Friedrich Boie. Ihre Mutter, Katharina Haberkorn, stammte aus einer angesehenen hannoverschen Beamtenfamilie. In diesem protestantisch-gebildeten Milieu legte man Wert auf Tugend und Takt, aber auch auf Literatur und Sprache. Auch bei den Töchtern.

Alles begann mit einem Brief: Ernestine und Johann Heinrich Voß

Ihr älterer Bruder, der Literat Heinrich Christian Boie, Herausgeber des „Göttinger Musenalmanachs“, machte sie 1774 mit seinem Studienfreund Voß bekannt. Alles begann mit einem Brief, in dem er sie bereits kühn „Mein liebes Ernestinchen“ nannte, ihr jedoch gleich versicherte: „Ich bin in meinem Leben nicht verliebt gewesen; und habe mir auch fest vorgenommen, es in meinem Leben nicht zu werden.“

Was folgte, war ein über Jahre wachsender Briefwechsel, voller Ironie, sprachlicher Virtuosität und intellektueller Nähe. Ein Briefwechsel, der nicht um Liebe warb, sondern sie erschrieb. Im 18. Jahrhundert galt der Brief als Spiegel des Herzens – aber auch als rhetorisches Kunstwerk. In der Sphäre zwischen öffentlicher Rede und privater Reflexion fanden viele bürgerliche Frauen erstmals eine Möglichkeit, sich sprachlich zu verorten. Er war meist der einzige legitimierte

literarische Raum – und Ernestine nutzte ihn mit meisterlicher Selbstverständlichkeit.

Über 300 Braut- und Ehebriefe

Auch Ernestine und Johann Heinrich Voß schufen in ihren über 300 erhaltenen Braut- und Ehebriefen eine schriftlich geführte Beziehung. Es ging darin nicht nur um Gefühle, sondern um Weltanschauung, um Bildungsideale, um Literatur, Kindererziehung, Alltag. Ernestines Briefe zeigen eine kluge, belesene Frau, die Anteil nahm an den Projekten ihres Mannes – nicht als Assistentin, sondern als Gesprächspartnerin. Manchmal griff sie auch selbst zur Feder und schrieb Gedichte, die – so flüsterte man in ihrem Umfeld – den Genius ihres Mannes noch übertroffen hätten.

Der Eutiner Kreis und Ernestines geistige Kraft

Nach der Hochzeit 1777 zog das Paar zunächst nach Otterndorf an der Elbe, später ins holsteinische Eutin, wo Voß 1782 Gymnasialdirektor wurde. Das sogenannte „Voß-Haus“ wurde bald zu einer geistigen Drehscheibe – ein Treffpunkt für Zeitgenossen wie Klopstock, Matthias Claudius, Wilhelm von Humboldt und Friedrich Heinrich Jacobi. Ernestine, so schilderte es ein dänischer Besucher, empfing ihre Gäste mit „der Freundlichkeit einer Hirtin“ – gastlich, herzlich, präsent. Doch unter der Oberfläche der Hausfrau lag eine geistige Kraft, die diesen „Eutiner Kreis“ zusammenhielt.

„Ordnung und Reinlichkeit herrsche überall“, schrieb sie augenzwinkernd über ihr Haus, „doch nirgends so sehr, daß einer dadurch belästigt werde.“ So sprach eine, die wusste, wie man ein bürgerliches Leben als künstlerische Form gestaltet.

Raus aus dem Schatten

Nach Voß’ Tod 1826 begann Ernestine, sich aus seinem Schatten zu lösen, ohne sich von ihm zu entfernen. Sie veröffentlichte die „Mitteilungen aus dem Leben von Johann Heinrich Voß“ in vier Bänden (1829–1833), eine editorische Meisterleistung. Dabei arbeitete sie nicht nur als Nachlassverwalterin, sondern als Erzählerin – klug auswählend, mit sicherem Stilgefühl.

 

Das Boie-Voß-Archiv in unserer Landesbibliothek

Dass der Nachlass des Dichterpaares heute fast vollständig erhalten ist, verdanken wir ihr. In ihrem Testament bestimmte sie, dass alle Briefe, Manuskripte und persönlichen Zeugnisse beisammenbleiben sollten. Heute liegen sie im Boie-Voß-Archiv der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek – rund 50 Archivkästen, ein dichter Lebensstoff. Ein „ziemlich vollständiger Lebensfaden“, wie sie selbst schrieb.

Die stark von Tintenfraß in Mitleidenschaft gezogenen Braut- und Ehebriefe von Johann Heinrich und Ernestine Voß wurden 2018 durch eine Spende der Johann-Heinrich-Voß-Gesellschaft restauriert. Sie wurden noch nie vollständig ediert. Ein Schatz, den es noch zu heben gilt.

Ein Text von Maike Manske, Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek